Willst du Recht haben oder Frieden?
Am liebsten wollen wir Recht haben UND unseren Frieden. Und ich glaube, das geht nicht. Kennst du folgende Situation in einem Gespräch oder einem Gruppen Chat: jemand sagt etwas und du bist dir vollkommen sicher, dass du es besser weisst. Das du Recht hast mit deiner Sicht der Dinge. Natürlich steht da etwas dahinter. Wahrscheinlich hast du dazu etwas gelesen oder gelernt oder kannst aus Erfahrung sprechen. Meine Mutter war sich auch immer sicher. Sie sagte dann so etwas wie: das macht der und der mit SICHERHEIT aus folgendem Grund. Das konnte sie ganz genau voraussagen. Weil sie sich eben sicher war, dass sie im Recht war.
Ich habe neulich in einem Gruppenchat einen Rat gegeben. Nicht ungefragt, obwohl ich das auch (leider) oft tue. Also kurzer Alarm: wenn ich dir ungefragt einen Rat oder Tipp gebe, dann natürlich, weil ich es am besten weiss. Wenn du das nicht möchtest, sag mir sehr deutlich, wohin ich mir meinen Tipp stecken kann.
Zurück zur Geschichte. Ich gab einen Tipp, eigentlich eher eine professionelle Einschätzung einer Situation mit der Bitte, diese auch professionell lösen zu lassen. Man bedankte sich dafür und jemand anderes nahm meinen Tipp auseinander und sagte, ich sei im Unrecht. Zack, sowas sitzt immer, oder? Und mich lässt das unsicher werden. Bin ich doch nicht im Recht, ist das verkehrt, was ich da behaupte? Also habe ich begonnen zu recherchieren. Und selbstverständlich habe ich Antworten gefunden, die meine These belegt haben, sogar wissenschaftlich belegbar.
Und selbstverständlich war ich in genau diesem Moment versucht, das heraus zu posaunen: ich habe Recht, lies doch einfach nach. Ich hätte Quellenangaben dazu machen können, auch so richtig wissenschaftlich. Denn schliesslich habe ich ein Universitätsdiplom, ich weiss also, wie man Quellenangaben macht. Und doch, etwas hat mich zurückgehalten, genau das zu tun. Eine leise Stimme, die mir zu geflüstert hat: Warum? Warum willst du hier Recht haben? Unbedingt? Macht das die Sache besser? Wem nützt es etwas? Wird das zu Frieden führen?
Die Antwort lautete ganz klar: nein, wird es nicht. Weder bei mir noch bei irgendjemandem sonst. Also habe ich geschwiegen. Du kannst jetzt sagen, ja, du hast dich eben nicht getraut zu deiner Meinung zu stehen. Kann sein, dass du damit Recht hast. Aber wenn ich zurück gestänkert hätte und das wäre früher absolut mein Stil gewesen, hätte es niemandem etwas gebracht. Und vor allem, hätte es meinen Frieden gestört. Meinen und den des ganzen Gruppenchats. Zusätzlich hätte es keinen Mehrwert für niemanden gegeben. Also habe ich geschwiegen und nach kurzer Zeit der Selbstkritik hat sich Frieden bei mir eingestellt. Denn:
Im Yoga sprechen wir oft von Wahrheit, Satya. Was ist denn Wahrheit eigentlich und wer bestimmt, was wahr ist und was nicht? In meinem obigen Beispiel kannst du genau ablesen, dass es nicht DIE eine Wahrheit gibt. Schliesslich lässt sich für alles, was wir meinen zu wissen, das Gegenteil finden, selbst im wissenschaftlichen Kontext. Du kannst dir für jede Studie, die du zitierst, sicher sein, dass es eine Gegenstudie gibt, die etwas anderes herausgefunden hat.
Die Quintessenz daraus ist, es gibt nicht nur eine Wahrheit. Es gibt so viele Wahrheiten, wie es Menschen auf der Welt gibt. Satya ist nichts, was man alleine für sich beanspruchen kann. Wir dürfen alle unsere eigene Wahrheit haben. Natürlich können wir diskutieren und ich habe auch eine Meinung und eine Einstellung zu Themen. Das ist absolut okay. Und dennoch, kann es gelingen, andere Wahrheiten nebeneinander stehen zu lassen, ohne Recht haben zu wollen? Übungssache meiner Meinung nach. Und sie ist es wert, denn dort, wo wir andere Wahrheiten stehen lassen können, wartet Frieden auf uns.